Milarépa! – Ein Film von Neten Choklin (vielleicht eine Rezension, vielleich so etwas wie eine Filmkritik)

Wie der Betreff bereits breitschultrig ankündigt: Ich habe die Empfehlung eines Freundes beherzigt und mir in einer gemütlichen Minute Milarépa zum Besten gegeben.

[Improvisation]

Hmm, wie soll man aber zu einem buddhistischen Film schreiben? Es macht ja schließlich das Gerücht die Runde, der Buddhismus sei einer Abstellkammer vergleichbar, die vollgestopft ist mit leeren Kartons (s. http://www.der-flix.de/index.php?preselect=588). Im gleichen Atemzug, wie man diesen Satz sagt, lassen sich auch leicht Kulturjournalisten und ich nennen. Verhinderte Schreiberlinge, die vollmundig teuren Wein feiern. Schaut man jedoch sozusagen dem Gaul ins Maul, sieht man gleich: Die ausgetrocknete Zunge klebt am Gaumen. Völlig sinnfrei kommt schon auch gleich der nächste Gedanke gestolpert: der König in seinen neuen Kleidern. Wo wir dann schlussendlich beim modernen Märchen angelangt wären. – Deren erstaunliches Kennzeichen ist ja mitunter, für zeitgemäß gehalten zu werden. Nur durch kleine ungreifbare Bedeutungsverschiebungen oder -spannungen ahnt man mit unbestimmten Begriffen, dass man das Narrativ auch selbst hätte träumen können, und zwar nur und ausschließlich träumen. Und das ist es, was diesen Film so faszinierend macht. Es gelingt dem Film also, was von einigen Filmschaffenden und -theoretikern angestrebt beziehungsweise überlegt wurde: Da der Kinobesucher im warmen Schoß des Kinosaals handlungsentlastet ist (this is no country for old men: http://www.pagasus.org/pbf/pages/PBF039-Dinosaur_Sheriff(1)_jpg.htm; selbst im 3D-Kino, auch wenn hier der Anschein trügt: http://wulffmorgenthaler.com/2011/10/15/), entspricht die Art und Weise seines Filmsehens dem nächtlichen Träumen. (Um zwei freudatmosphärische Beispiele zu erwähnen: Schlafe ich im Traum mit jemand anderem als mit meiner Partnerin bzw. meinem Partner, dann gehe ich nicht fremd, nicht mal in Gedanken. Beschimpfe ich jemanden im Traum, dann habe ich ihn ja nicht beleidigt.) Diese Idee sieht sich allerdings aussichtslos mit einer eindrücklichen Erfahrung konfrontiert, die sicher schon jeder gemacht hat: der Traum geht mir sehr nahe, geht ganz eigentümlich mich an. Aber in einer gewissen Weise schafft genau dies der Film. Es ist dieser Traum der eigenen uneingeschränkten Potenz über alle, die man lieber tot als lebend wissen möchte – plus!: Man kriegt seine ungestüme Rache mit der braven Aussicht, nach einer mehr oder weniger unruhigen Nacht gleich wieder der Karowollstrickpollunder tragende Gutmensch zu werden.

Übrigens, gnadenlose unerträgliche Spannung kommt im Film allein schon dadurch auf, dass die weitere Entwicklung von Thöpaga bereits bekannt ist, bevor man die DVD in das Lesegerät klemmt. Beängstigend ungewiss ist man also. Er kriegt doch hoffentlich die Rachegelüste seiner suizidaffinen Mutter befriedigt? Oder tritt dann doch eine von den drei, vier unglückseligen erwartbaren Möglichkeiten ein, bei der die Rache schlimmstenfalls sogar so ein krasser Rohrkrepierer werden würde, dass sich die schändliche Demütigung sogar ins Absurde potenziert? (Und Thöpaga deshalb gegen Rache ist.)

Zwei Möglichkeiten, den Film zu interpretieren: lebensecht oder moralisierend

Hui, dieser gerade soeben improvisierte Absatz bringt das mit sich, was Improvisationen doch immer wieder auszeichnen kann: Überraschung. Das für mich jetzt tatsächlich unerwartete Ergebnis ist, dass der Film auf einmal eigenartig unbestimmt wird und mir mindestens zwei Wege lässt, wie ich ihn interpretieren und beurteilen möchte.

Vom Drehbuch her ist alles überzeugend konstruiert. Ich kann mich einfühlen und zugleich bleibt es unerträglich spannend. Sehr toll! Auch inhaltlich scheint mir die im Film mitgeteilte Einsicht einleuchtend. Allerdings!
Allerdings aus meiner Sicht eindeutig mit dem Hang zum Moralisieren. Schließlich kennt man die Filmbotschaft bereits, wenn man die DVD in die Hand nimmt. Wenig beeindruckend, wenn auch pathetisch heißt es da: „it began with revenge“. Das beschädigt den Film. Bedient wird kleinbildungsbürgerliches Wunschträumen. Die Rache ist nämlich effektiv. (Okay, vielleicht nicht so effektiv, denn Onkel & Co. können weiterhin Hass einatmen. Nichtsdestotrotz, geschädigt wurde ihnen – und zwar auf eine so beeindruckende Art, dass sie zugleich von panischer Angst wie von rasender Wut erfasst werden.) Klimaktisch quält dann aber doch das schlechte Gewissen mit fiesen Tricks. Man kriegt für eine Nacht einen schlechten Schlaf sowie kurzweilig im langweiligen, an Zerstreuung armen Alltag bedrückende Gedanken. Alles in allem führt das zu einem schläfrigen Ende. Es werden sinnige Bonmots auf Naturkalender geschrieben. Am besten gleich solche Sätze, die der Film wohlfeil bietet – sogar die entsprechende montane Kulisse ist bereits vorhanden. Schnappschuss! Und ab damit ins Wohnzimmer am 1. Januar. („Biedermeierisch“ kommt mir in den Sinn. Nach der Revolution die harmlos-kitschige Resignation.)

Ich denke, das ist die Gefahr beim Moralisieren: Nimmt man moralisierende Botschaften ein bisschen locker leicht, wie ich es in meiner Improvisation ohne Hintergedanken getan habe, werden sie am Ende – durchaus unfreiwillig – für zu leicht befunden.

Nachempfinden sollen wir Demütigung und Rache

Ähnlich doppeldeutig ist eventuell der Schnitt des Films. Der Anfang kommt nämlich ein wenig philologisch-tabellarisch daher. Immer so halbsentimentale und doch irgendwie unbeteiligte Dreisekunden-Dokumentarfilm-Outtakes. Das wirkte auf mich anfangs etwas lächerlich. Ähm… nein „lächerlich“ ist vielleicht zu stark. Etwas grotesk vielleicht? Auf jeden Fall stört es. Wie übrigens auch Christian Horn auf filmstarts.de (http://www.filmstarts.de/kritiken/120322/kritik.html). Sein Vorwurf, das sei amateurhafte Dramaturgie, ist allerdings …

Vor dem Hintergrund des Films als Ganzen macht dieser Eindruck nämlich gewissermaßen Sinn. (Stichwort: hermeneutischer Zirkel.) Denke ich mir. Der Film will den Zuschauer weniger in den Tod und die Armut emotional reinziehen. Entweder er betrachtet sie also als hinzunehmende Gegebenheiten oder er will sich schlichtweg nicht auf eine Beurteilung von Tod und Armut einlassen. Worauf er den Fokus legt, das ist zuerst der Umgang mit Toten, mit deren wehrlos Hinterbliebenen und mit in Armut lebenden Menschen. Folglich will der Film, dass die Zuschauer gefühlsmäßig von der Schändung und Demütigung Armer ergriffen werden. Anschließend richtet er den Blick auf die aus Demütigung erwachsenden Rachegefühle und den orgiastischen Rausch des Racheexzesses – was sehr gut nachempfunden werden kann. Das gelingt dem Film also exzellent!

Die Wandlung und Einsicht Thöpagas kommen nun leider als schlechthin noch vor Beginn des Filmes zu erwartende Unvermeidbarkeit. Eben: moralisierend. Ich verstehe, dass der Film diese Umkehr nicht als emotionale Erleuchtung, das heißt, nicht als unstete, sich leicht verflüchtigende Gefühlserkenntnis zur Darstellung bringen will, sondern als eine Art nüchterne Schlussfolgerung. Ein Schlussfolgerung angesichts möglicher und in dem Fall vorliegender Fakten (die direkten Feinde überleben, und direkt an Leib und Leben geschädigt werden andere, vielleicht sogar Unbeteiligte) und persönlicher Selbsterkenntnis (Racheexzess wirkt nicht kathartisch). Ich denke mir halt nur, man kann das noch überzeugender, aufdrängender umsetzen – wenigstens so, dass der Anfang nicht ganz so kümmerlich daherkommt.

Eine Nebenbemerkung zum Fest samt Überleitung zu Vorschlägen, wie die Moralisierung vielleicht hätte umgangen werden können

Nachdenkenswert fand ich einen spontanen Gedanken zu der von Thöpagas Mutter veranstalteten Reiswein-„Party“, die allerdings einen schrecklichen Lauf nimmt. Ich dachte mir erst, die Mutter Thöpagas versucht aus ihrer Trübsal, aus ihrem Selbstmitleid herauszukommen, indem sie sich und ihr Haus öffnet. Und vielleicht auf diese Weise wieder das Leben genießen kann. Eventuell war das sogar eine Intention von ihr, auch wenn sie klar ein anderes Ziel verfolgt hat.

Ich weiß nicht, ob Thöpaga alias Milarépa solche Gedanken in Palmblättern geritzt der Nachwelt hinterlassen hat. Könnte ich nachschlagen oder vielleicht wird es im angekündigten zweiten Teil thematisiert. Womöglich hätte der Film seinen moralisierenden Charakter verlieren können, indem er zusätzlich eine positive Lösungsidee anbietet. (Man hört ja immer wieder von Reisenden, wie angetan sie von der Gastfreundschaft ärmerer Menschen sind.) So bleibt die Filmbotschaft technisch Edison-like: ein Weg mehr, auf dem es nicht funktioniert. Wobei ich nicht meine, dass auf diesem Weg ein Happy End oder dem Verwandtes, z.B. eine optimistische Botschaft, konstruiert werden sollte.
Oder aber man bringt eine ganz andere Sichtweise ins Spiel: Ist z.B. eine Revolution Armer und Unterdrückter gegen ihre Ausbeuter und Peiniger ausschließlich und nur Rache?
Oder was geht in Thöpaga vor? Im Film wird es der Vermutung des Zuschauers überlassen, ob Thöpaga Rache fühlt oder nicht. Er ist nicht extrovertiert und ambitioniert wie seine Mutter, vielmehr ist er introvertiert und schüchtern.
Anders gesagt, es gäbe noch ganz andere, interessante Aspekte zu erkunden. Vielleicht hätte man damit die Moralisierung umgehen können.
(Gegen diese Überlegungen spricht übrigens nicht, dass der Film eine Art biographischer Nacherzählung zu sein beansprucht.)

Übrigens Kelsang Chukie Tethong ist in jedem Fall grandios in Szene gesetzt und spielt ihre Rolle sehr eindringlich! Ihr Leid ist herzzerreißend und ihre Rachegelüste beunruhigen.

In zwei kurzen Sätzen

Also alles in allem, ein sehenswerter Film. Allerdings mit einer großen Schwäche (neben anderen weniger gewichtigen): er moralisiert.

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One response to “Milarépa! – Ein Film von Neten Choklin (vielleicht eine Rezension, vielleich so etwas wie eine Filmkritik)

  1. Well performed! I would actually be happier person if everybody wrote as well as you do. Thanks once more

Well, I'd like to know: What do you think?

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