Hans Hoffman & Aelita Andre

 links: Jack Pezanosky (4 Jahre), rechts: „Laburnum“ (1954) von Hans Hoffman

Wohl jeder Mensch fühlt es: Wir alle sprechen ein und dieselbe Sprache, wenn wir lieben. Dann verstehen wir uns auch ohne Worte. – Das stimmt!
Und aufgefüllt mit Glückshormonen sind wir sofort übermotiviert. Wenn das Glück nur so aus einem heraussprudelt, kann man gar nicht anders als zu meinen, nur und ausschließlich bei der Liebe sei dies der Fall. Das allerdings ist ein Irrtum.

Man denke nur an das sonntägliche Familienglück. Unbeschwert gehen die Eltern mit ihren Kindern bei strahlendem Sonnenschein ins Museum. Doch schon nach fünf Minuten wandelt sich das heitere Glück um. In tobende Verzweiflung und blinde Wut. Nicht, weil die eigenen Kinder sich wie toll daneben benehmen würden. Vielmehr ist es, wie die Eltern sagen würden, diese kranke Gestörtheit der ausgehängten … ja was eigentlich? Bilder? So würden sie es wohl nicht nennen. Hingeflätztes wohl eher. Vier Gemälde von Cy Twombly und drei Bilder von Hans Hoffman haben sie bereits, wie sie meinen, über sich ergehen lassen müssen. Und ihr ängstlicher Blick, der diesen und den nächsten Ausstellungsraum abscannt, führt ihnen das Unheil vor Augen: da hängen Werke von Karen Appel, Gillian Ayres, James Brooks, Elaine de Kooning, Mark Rothko und anderen. Das gibt ihnen den Rest. Wortlos spricht hier in letzter Konsequenz die Sprache, die alle Welt kennt. Das skeptisch verzogene Gesicht angesichts Hoffmans „Laburnum“, der sich seitlich nach unten neigende Kopf zur Tochter, der sich wieder erhebende Kopf und der ans Gemälde geworfene prüfende Blick… Geben wir dieser Szene doch Worte, auch wenn man sie untertiteln könnte: „Ohne Worte“. So ließe sich in strotziger Effenbergmanier trompeten: „Das könnte mein Kind auch malen“, „My kid could paint that“, „Mon enfant pourrait peindre ça“. Je verzweifelter und wütender die Eltern und je überzeugter sie von ihren Kindern sind – und welche Eltern sind das nicht?! – desto größenwahnsinniger werden sie: „mein Kind könnte das besser“, „my child could do this better“, „mon enfant ferait mieux“. Oder desto abschätzigere Worte entreißen sie ungehemmt ihrem eigentlich verschlossenen Wortschatz: „Ein Schimpanse könnte das fabrizieren!“, „Wenn ich meinen platzenden Dünnschiss ins Klo spritze, sieht’s genauso aus!“, „Wenn ich nach einem Saufexzess meine Kotze über den Bordstein sprühe, das sieht nicht anders aus!“ Der Verlust der eigenen Contenance. Und manch einer verliert sogar noch mehr. Den Verstand. Und verbeißt sich in konspirative Paranoia, einen mafiösen Hinterhalt vermutend: „Das sind exzellente Müllverkäufer!“ Etwas anderer Worte müssen sich hingegen kinderlose Menschen bedienen: „Das könnte ich auch.“ Bedeuten tun sie dasselbe.

Wie es jedoch Unverbesserliche gibt, die die Sprache der Liebe nicht sprechen können oder nicht sprechen wollen oder weder sprechen können noch sprechen wollen, so gibt es einige widerspenstige Besserwisser und emotionslose Kontrollfreaks, die tatsächlich meinen: „There’s a part of me that says that it’s a completely valid response when somebody says ‘My child could have done this.’ Well maybe they could. That’s that person’s absolute right to express that. It’s not a very good way to start a discussion, though. I think there are more interesting statements you could make.“ So Allison Morehead im O-Ton (http://queensjournal.ca/story/2009-01-29/postscript/my-child-could-have-done/).
Also was wäre die westliche Welt ohne ihren wissenschaftlich kritischen Geist!? Wenig überraschend und folgerichtig haben sich Psychologen dem Gefühlsleben der Museumsbesucher angenommen. Zwei, um genau zu sein. Zwei Psychologinnen, nämlich Angelina Hawley-Dolan und Ellen Winner, um ganz präzise zu sein (http://pss.sagepub.com/content/22/4/435.full.pdf+html). 72 Museumsbesucher haben sich untersuchen lassen. Davon waren 32 Kunststudenten und 40 Psychologiestudenten. Sie mussten sich der unangenehmen Herausforderung stellen, Bildpaare zu vergleichen. Dabei gab es ein allgemeines Setting. Das eine Bild stammte von einem Künstler, das andere von einem unbekannten Künstler, von einem Kindergartenkind oder – für einige empörend – von einem Affen oder Elefanten. Dieses allgemeine Setting wurde variiert. Eine Variante war die, dass die Namen der Künstler wegretuschiert wurden. Eine andere Variante bestand darin, die Bilder falsch auszuweisen. Da konnte schon mal ein Künstlergemälde zum Beispiel als Elefanten- oder Affenprodukt ausgegeben worden sein. Nichtsdestotrotz kam es zu einer erniedrigenden Selbsterkenntnis, die man wahrscheinlich nur widerwillig verallgemeinern möchte. In 60 bis 70 % der Fälle haben die Studenten, unabhängig davon, ob sie nun Kunst oder Psychologie studieren, die Bilder der Künstler bevorzugt und für besser gehalten. Anders gesagt: „Das könnte mein Kind auch malen“, „My kid could paint that“, „Mon enfant pourrait peindre ça“ kann nur noch als Schimpfe und Beleidigung gelten, aber nicht mehr als der Realität entsprechende Einschätzung.

Drei unverbesserliche Frauen haben also schon sehr fiese Nadelstiche gesetzt. Langweilig sei dieser diffamierende Proletenjargon. Unrealistisch und die eigenen Kinder maßlos überschätzend dieser Vergleich.

Lassen wir aus dieser Gruppe der Unverbesserlichen nun einen Mann zu Wort kommen. Kniebrecherich hält Jens Beckert den ätzenden Museumsbesuchern den Spiegel vor, indem er behauptet, sie hätten gar nicht die Kompetenz, den künstlerischen Wert so unmittelbar einzuschätzen. Vielmehr ergebe sich dieser aus seinem Status, den er innerhalb der breitgefächerten Kunstinstitution inne habe (http://www.artnet.de/magazine/interview-mit-jens-beckert-maxplanckinstitut-koln/).
Und bei Beckert hakt sich Jane Allen ein, um den mittlerweile im Schlamm röchelnden Verächter abstrakter Kunst den Todesstoß zu geben. „Issues of value don’t have to do with the material entity of the work, strictly speaking, but rather the set of artistic intentions and authorship that surround a work of art. … It’s a misapprehension of what art is to say, ‘Well, I could have done that,’ because art isn’t just a skilled production. It involves skill, but that’s not all it is. So it’s kind of missing the point“ (http://queensjournal.ca/story/2009-01-29/postscript/my-child-could-have-done/). Was Allen damit meint, macht Christophe Yahia am Beispiel der naiven Kunst Douanier Rousseaus deutlich (http://revue.prefigurations.com/16artnaif/htm/naif_yahia2.htm). Rousseau war damit vertraut, was seine Lehrer und Malerkollegen für anerkennenswerte Malerei hielten. Doch der Anwendung der dafür erforderlichen Regeln widersetzte er sich. Er malte wie ein Kind. Anders gesagt: „l’artiste naïf sait ce qu’il fait, (il ne sera pas pardonné!)“. Und genau das ist es, was den modernen Künstler vom Kind unterscheidet. Man könnte ein Bild des eigenen Kindes, oder falls man sich ein solches Haustier hält: des eigenen Affen oder Elefanten, für moderne Kunst ausgeben. Einige Menschen könnte man mit dreißig- bis vierzig-prozentiger Sicherheit vergackeiern. Sie würden es tatsächlich für moderne Kunst halten. Allerdings wären die auch keine potenziellen Kunden. Nein, also was das kindliche Gemälde eines modernen Künstlers von der Zeichnung eines Kindes unterscheidet sind zwei Dinge. Zum Einen kann der Künstler anders malen als es das Kind könnte. Demnach und zum Anderen hat der Künstler einen Grund dafür, so zu malen, wie er malt. Damit hat sein Stil ein Sujet. Und das hat der Stil eines Kindes nicht (vgl. Arthur C. Danto: The Transfiguration of the Commonplace (1981) (dt.: Die Verklärung des Gewöhnlichen)).

Ist also das, was ein Kind macht, keine Kunst? Wie sind die Bilder einzuschätzen, die Marla Olmstaed und Aelita Andre malen?

Über Marla, deren teuerstes Bild sich für 300.000 $ verkaufte – ein Bild, das sie im zarten und unschuldigen Alter von vier Jahren malte –, gibt es von Amir Bar-Lev den Dokumentarfilm »My Kid Could Paint That« (2007). Wie Nathalie Petrowksi schildert, geht es in diesem Film aber mehr um die Erwachsenen: deren Marketing, deren Aufstellen von Kunstmarktpreisen, die überambitionierten Eltern und die Gesellschaft, die sich Genies wünscht (http://moncinema.cyberpresse.ca/nouvelles-et-critiques/chroniqueurs/chronique/2600-mon-enfant-pourrait-peindre-ca.html).

Und was ist mit Aelita, deren teuersten Bild für 24.000 $ in Hongkong über die Ladentheke ging? Trunken im Rausch der Sensation fragen Reporter sie aus: Worum geht es in ihren Bildern, wie fand sie ihren Museumsbesuch usw.? Geschichten sind auf ihren Bildern zu sehen, antwortet sie. Geschichten mit Delfinen, Krokodilen usw. Und die Bilder im Museum of Modern Arts fand sie außergewöhnlich schön. Nun gut, es war nicht zu erwarten, dass sie viel Tiefgründigeres sagen würde. Was ja nicht schlimm ist.
Auch ihre Eltern werden um ein Statement gebeten. Ihr Vater ist ganz begeistert und ermutigend: Kinder, selbstverständlich auch seine Tochter, haben eine natürliche Zuneigung zu Farben, zum Singen usw., auch dazu, sich ganz einfach, unmittelbar und natürlich auszudrücken. Frei und natürlich äußere(n) sie sich. Und das sei Kunst.
Doch stimmt das? Immerhin lässt sich wohl schwer anzweifeln, dass ihre Bilder, vermutlich selbst von ihm, vor hundert, hundertfünfzig Jahren nicht für Kunst gehalten worden wären. Und wenn es rein natürlich wäre, was sie da tut, sind ihre Bilder dann nicht besser in einem Naturhistorischen Museum aufgehoben als zum Beispiel in einem Kunsthistorischen Museum? In Wien ist z.B. die Venus von Willendorf im Naturhistorischen Museum und nicht im KHM ausgestellt. John Torreano, Professor für Kunst an der New York University meint, dass ein Künstler ein Bewusstsein darüber habe, was es heißt, ein Künstler zu sein. Und dieses Bewusstsein könne ein Kind nicht haben. Ein institutionelles Argument, versteht sich.

Angela Di Bello, Direktorin der Agora Gallery im New Yorker Viertel Chelsea, wo Aelitas Bilder ausgestellt wurden, sieht das selbstverständlich anders. Aelita wisse was sie tut. Sie habe einen eigenen Stil entwickelt, den Di Bello allerdings übertriebenermaßen als abstrakten Expressionismus oder auch Surrealismus etikettiert. Bei ihren eigenen Kindern hätte sie auf jeden Fall keinen konsistenten Stil wahrnehmen können. Was sich außerdem bei Aelita zeige ist, dass sie ein Gespür für Farbe, Komposition, Textur und Struktur habe. Ein großes Talent sei sie. Nun, einige Kunstkritiker werfen Di Bello lieber vor, das Alter von Aelita als Verkaufsstrategie zu verwenden. Wo wir wieder bei Petrowskis Beschreibung von »My Kid Could Paint That« wären…

Das heißt, „das könnte mein Kind auch malen“, „my kid could paint that“, „mon enfant pourrait peindre ça“ können die Eltern von Marla und Aelita besten Gewissens und voller Stolz behaupten. Mit Recht! Aber: Ist es Kunst? Institutionell gesehen, werden ihre Bilder zur Kunst erhoben. Aber die Institutionstheorie der Kunst hat erhebliche Schwächen!
Es war auch nicht immer selbstverständlich, dass solche Bilder für Kunst gehalten wurden. Und das ist etwas, das die heutige Kunst immer begleitet: Mit jedem Bild, das gemalt wird, stellt sich zugleich die Frage: Ist es ein Bild mit künstlerischem Wert? Für einen Künstler stellt sich diese Frage dringlichst (s. Danto). Aber genau dieses Bewusstsein fehlt dem Kind.
Schöne und erwerbenswerte Bilder zeichnen Aelita und Marla. Aber ist es Kunst? Die Bilder von Dalí zum Beispiel, die er als Kind gemalt hat, gelten sie als Kunst? In einem ambitionierten Verständnis von Kunst wohl nicht. Ebenso wenig die Bilder von Aelita und Marla oder irgendeinem anderen Kind. Selbst wenn sie technisch gesehen hervorragend sind. Technik und Handwerk sind ja kein entscheidendes Kriterium dafür, dass etwas zu Kunst wird. (Man denke nur an Fälschungen oder die asiatischen Frauen, die haargenaue Kopien von Originalen erstellen und als solche verkaufen. Oder an Marcel Duchamps „Fontaine“ (1917), Barnett Newmans „Voice of Fire“ (1967) und Günther Ueckers „Der Nagel“ (1988).) Alltäglich und institutionell gesehen gelten sie hingegen für einige als Kunst. Was für den Begriff der Kunst interessant sein könnte… oder?

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